Heute haben wir eine Strecke von 300 km vor uns. Zuerst geht es nach Meknès, eine der 4 Königsstädte in Marroko, neben Rabat, Fés und Marrakesch. Die Altstadt ist auch hier UNESCO Weltkulturerbe und besitzt eine 45 km lange Stadtmauer. Die Medina ist nicht ganz so verwirrend wie die Medina in Fés, aber zum Verlaufen würde es auch reichen. Der ehemalige König Mulai Ismail (1625-1727) war ein großer Bewunderer des französischen Sonnenkönigs und wollte seinen Baustil in Marroko dem des Schlosses Versailles anpassen. Er galt als etwas größenwahnsinnig – Geschichte wiederholt sich immer wieder.

Angeblich hatte er in seinem Harem 500 Frauen und ca. 1000 Kinder und wollte unbedingt eine französische Prinzessin Ludwigs XIV als weitere Gemahlin, schickte wertvolle Geschenke als Brautwerbung nach Frankreich und bekam als Ablehnung vier barocke Standuhren geschenkt. Diese flankieren noch heute den Sarkophag im prachtvollen Mausoleum. Allerdings galt ab diesem Zeitpunkt das Verhältnis der beiden Länder als etwas frostig.
Es gibt wieder ein leckeres marrokanisches Mittagessen. Bei uns heißt es ja „Jedes Böhnchen ein Tönchen“, Adil sagt dazu „Ausatmen in die Hose“.
Dann geht es in die 146 km entfernte Hauptstadt Rabat und während der Fahrt bekommen wir von Adil viele Informationen über Flora und Fauna, Heimatkunde und Geschichte und uns wird immer mehr bewußt, wie bedeutend Marokko in der Vergangenheit und auch heute noch in der Welt ist.
Auf der Fahrt fällt uns auf, dass die Polizeipräsenz im ganzen Land auffallend groß ist, es werden überall Fahrzeugkontrollen durchgeführt und auch in den vielen und großen Kreisverkehren regelt die Security National den Verkehr.
Wie besuchen in Rabat das Mausoleum von Mohammed V, dem Großvater des heutigen Königs – das drittgrößte Mausoleum weltweit. Es ist nur mit den wertvollsten Materialien ausgestattet, so ist der Sarkophag aus weisem Onyx und die Decke mit Gold verziert. Die 4 Eingänge werden von der königlichen Garde bewacht, deren Kleidung und Gewehr uns aber eher an eine Szene aus Karl May’s „Der Shut“ erinnert.
In Rabat findet man Alt und Neu, Antike und Moderne eng beieinander. Die Moschee aus dem 12. Jahrhundert konkurriert mit modernen Bauten gleich nebenan.

Alt und Neu

Die neue Oper „Kobra“

Mausoleum innen

Mausoleum außen

Königliche Garde vor dem Mausoleum
Und was auch überall auf den Straßen und den großen Parkanlagen zu finden sind, sind Straßenkehrer, die mit Palmwedeln und Kutterschaufeln für Sauberkeit sorgen. Da wäre in Stuttgart derzeit auch Handlungbedarf.
Wir kommen in die Rush Hour und es dauert ewig raus aus der Stadt in Richtung Casablanca. Die größte Stadt Marrokos ist seit 1912 von 12.000 Einwohnern auf heute ca. 4 Mio Einwohner gewachsen und ist ein zentraler Industriestandort und mit dem Hafen auch ein weltweit bedeutender Warenumschlagplatz geworden.
Trotz 6 spuriger Autobahn sind wir spät dran, deswegen geht es gleich ins Hotel und zum Abendessen. Wir sind heute zig mal raus aus dem Bus und wieder rein in den Bus, haben in kurzer Zeit die wichtigsten Sehenswürdigkeiten besichtigt und viele Geschichtsdaten zu verarbeiten und deswegen bleibt nur ein kleines Grüppchen übrig, das im Nachbarhotel einen Schlaftrunk nehmen will. Der Rest muss erst mal Köper und Geist pflegen.
Casablanca – Schau mir in die Augen Kleines.
Heute geht es zuerst mit dem Bus zum Königspalast, der mit 83 ha riesig ist, und obwohl der König sehr selten hier wohnt und regiert, gibt es entlang der Palastmauer alle 20 m ein Wachhäuschen für die Soldaten, die den Palast bewachen.

Fès ist eine Stadt des Handwerks, der Religion und der Bildung. Hier entstand angeblich 859 die erste Universität der Welt. Und sie ist u.a. für ihre Keramiken berühmt. Es gibt eine Handwerkskammer, die eine Art Ausbildung für Keramiker anbietet und die besuchen wir. Der Beruf ist körperlich sehr anspruchsvoll und erfordert viel Geduld und Präzision. Wir dürfen bei einzelnen Arbeitsschritten zusehen und es wird uns erst jetzt bewußt, wie aufwendig die Mosaiken hergestellt werden, die überall in Marokko gegenwärtig sind.

Es gibt ein kleines Museum und natürlich einen Shop, in dem man sehr schöne Mosaiktische, Vasen, Teller und auch Brunnen kaufen kann. Mit dem Flieger wird es aber schwierig, das nach Deutschland zu transportieren, aber uns wird sofort mitgeteilt, dass ein Versand natürlich überhaupt kein Problem ist. Also ein kleines Tischen oder ein Brunnen würde schon in den ein oder anderen Garten passen.


Wir fahren mit dem Bus zu unserem nächsten Termin um 11:30 Uhr, die Mitwirkung in einem Gottesdienst. Und was wir dort erleben, ist etwas ganz anderes, als wir erwartet haben. Es ist nämlich ein evangelikaler Gottesdienst der Gemeinde aus Gabun, der eigentlich min. 2 Stunden dauert, von einem Chor und einer Band begleitet wird und sehr an einen Gospelgottesdienst aus den USA erinnert. Die Bibelverse werden vorgesungen und die ganze Gemeinde singt immer mal wieder mit. Damit das klappt, werden die Texte über einen Bildschirm angezeigt. Überhaupt wird alles gefilmt und wahrscheinlich gestreamt.

Mit viel Emotionen und Hingabe wird an die Geschichte und die Bedeutung des Osterfestes erinnert und wir sind teilweise etwas überfordert. Es ist sehr laut, der Raum im 4. Stock eines Wohnhauses platzt aus allen Nähten, es ist warm und stickig, es gibt ein ständiges Kommen und Gehen und alles in französischer Sprache. Nach einer Stunde haben wir die Gelegenheit unsere Art der Kirchenmusik darzubringen und der Kontrast könnte nicht größer sein. Die Überraschung ist auf beiden Seiten spürbar, aber trotzdem ist die Atmosphäre sehr herzlich. Dem ganzen Gottesdienst wohnen wir nicht bei, das ist einfach zu lang und unser Mittagessen wartet schon.

Medina
Es geht mit dem Bus zur Medina, wo wir in einem marokkanischen Restaurant schon erwartet werden. Es gibt als Vorspeise kleine Schälchen mit Avocados, Auberginenmus, Oliven, Süßkartoffeln, Schafskäse, Sellerie und Brot. Eigentlich kann man davon schon satt werden.

Marrokanische Vorspeisen
Als Hauptspreise kann man wählen zwischen Tajine und Pastilla, einer Teigpastete aus Filoteig, gefüllt mit Hühnchen, Gemüse, bestäubt mit Puderzucker und Zimt. Ungewöhnlich als Hauptspeise und sehr lecker. Abgerundet wird alles mit frischem Obst und marokkanischem Kaffee. Eigentlich wäre jetzt eine Siesta nicht schlecht, aber unser Adil möchte uns durch die Medina von Fès schleusen.

Ganz grober Medinaplan
Die Medina ist ein riesiges Labyrinth aus ca. 9000 engen Gassen, traditionellen Häusern und Märkten und UNESCO Weltkulturerbe. Um unsere Gruppe mit 45 Personen da durch zu führen, ist Verstärkung in Form einens Lumpensammler eingetroffen, der immer am Ende der Gruppe versucht keinen zu verlieren. Aber 10 % Schwund ist eigentlich normal und manch ein Reiseleiter hat schon eine Suchaktion starten müssen. Es gibt dann auch „hilfsbereite“ Marokkaner, die verirrte Touristen gerne gegen ein Trinkgeld wieder aus der Medina rausführen.
Wir schlängeln uns durch Menschenmassen vorbei an Stoffballen, Kleidung, Schmuckgeschäften, Sellou (eine Art Türkischer Honig), Schuhen, Souvenirs, Gemüse und vielem mehr, immer damit beschäftigt Adil nicht aus den Augen zu verlieren. Er will uns so viel wie möglich zeigen, biegt mal rechts, mal links ab, rein in einen Innenhof, Halt vor einer Moschee und rein in eine Art Parfümerie. Hier heißt uns ein Verkäufer willkommen, den jede deutsche Vertriebsabteilung sofort einstellen würde. Er preist uns die Vorzüge von Arganöl, Arnikaöl, Amber und Kaktusfeigenkernöl in den höchsten Tönen an und wenn wir alles anwenden, werden wir auf jeden Fall jünger und gesünder. Wir können alles ausprobieren, duften danach nach Rose, Verbene, Orangenblüten, Eukalyptus und Amber. Aber vieles bekommt man bei uns zwar auch, aber teurer und die Geldbeutel leeren sich.
Weiter geht es im Getümmel der Medina, auf die Seite springen, da ein Händler mit Schubkarre durch will, oder ein beladenes Muli und rein in eine alte Weberei, die Teppiche, Decken, Schals und Stoffe in Handarbeit herstellt. Dieser Beruf stirbt, wie bei uns, auch hier langsam aus. Was für uns neu ist, dass Seide aus Agaven gewonnen und verarbeitet werden kann – also vegane Seide. Die Damenwelt ist entzückt angesichts der schönen Farben und Stoffe, und Geld wechselt den Besitzer.

Seide aus Agaven

Jetzt wollen wir nur noch raus aus dem Gewimmel, denn es wird immer voller. Vorbei an dem Gerberviertel mit dem typischen Geruch, kommen wir tatsächlich vollzählig wieder beim Bus an.

Gerberviertel
Während wir im Hotel Abendessen, kommt nochmal eine Reisegruppe an, die auch Essen will, aber es gibt keinen Platz mehr, was nicht gut ankommt. Wir haben es tatsächlich geschafft, ein paar Bierchen zu organisieren und lassen diesen eindrucksvollen Tag langsam ausklingen.

يوم زوين آخر سالى (Aussprache: Yom zwine akhor salā)
ⴰⵙⵙ ⵣⵓⵏ ⵢⴰⵏ ⵉⵎⵎⴰⵏ ⵢⴼⴽ (Aussprache ungefähr: Ass zoun yan imman yefk)
Une autre belle journée se termine
An saumäßig scheener Dag goht z‘end.
Bevor es in Richtung Fès geht, besichtigen wir die „blaue“ Stadt Chefchaouen und es geht in verwinkelte Gässchen mit Händlern, kleinen Plätzen, vielen Sackgassen, verzierten Türen und verschiedenen Gerüchen. Fast alle Häuser sind in weiss / blau gestrichen und die Stadt gilt deswegen als immaterielles Kulturerbe der UNESCO.





Diese Stadt mit ihren 46.00 Einwohnern gilt als sehr gesunde Stadt, weil es keine Fastfood Restaurants und auch keine großen Supermärkte gibt. Zwei mal in der Woche gibt es einen Markt, auf dem die umliegenden Bauern ihre regionalen Produkte anbieten. Alles andere kann man in kleinen Läden und Ständen kaufen. Nach 3 Stunden per Fuß bergauf und bergab geht es jetzt in die 194 km entfernte Stadt Fès.
Auf dem Weg dorthin gibt uns Adil wieder viel Wissenswertes mit auf den Weg. Z.B. gibt es in dieser Gegend vermehrt Wildschweine und auch einige Weinanbaugebiete, was uns etwas verwundert, da das ja eigentlich nicht mit den islamischen Regeln zusammenpasst. Aber vom marokkanischen Königshaus wird ein sehr gemäßigter Islam vorgelebt und so leben auch alle 3 Weltregionen in diesem toleranten Land seit jeher friedlich zusammen.
Auf halber Strecke sehen wir im Nirgendwo einen großen Markt mit Zelten, einen Souk, auf dem die Bauern einmal die Woche ihre Produkte verkaufen. Aber dieser Markt ist auch ein wichtiger sozialer Treffpunkt. Hier werden Neuigkeiten ausgetauscht, Häuser und Grundstücke gehandelt, Waren getauscht, es gibt eine Post, wo auch Briefe hingeschickt werden können, einen Notar, einen Friseur und einen Zahnzieher.
Auf dem Weg zu unserem nächsten Ziel geht es vorbei an endlosen Olivenhainen, Orangenbäumen, Feldern mit Erbsen, Zwiebeln, Minze, und Weizen. An der Straße entlang (die mal 4 spurig und gut ausgebaut und mal voller Schlaglöcher und sehr schmal ist) sehen wir unzählige Schafherden, Esel, Mulis, wilde Hunde, Kühe, Dromedare und Störche. Unser Fahrer Ismail meistert die oft kurvige Strecke mit Bravour und schlängelt sich an sehr langsamen Lastern mit Gasflaschen vorbei, weicht waghalsigen Überholern aus und schleicht durch viele Baustellen. Und im Hintergrund geht es immer noch am Gebirge Rif und seinen Ausläufern entlang.

Einer von 150 großen Stauseen

Sehr hübsch, oder ?
Da Adil auch ein begeisterter Hobbykoch ist, gibt er sein Rezept für das traditionelle Gericht Tajine preis. Dieses Schmorgericht wird in einem Art Römertopf zubereitet, besteht u.a. aus Zwiebeln, Fleisch, speziellen Gewürzen und Gemüse. und gaaaanz wichtig – Zwiebeln immer ganz unten.

Wir haben teilweise seit dem Frühstück nur wenig gegessen und uns läuft das Wasser im Mund zusammen und der Magen knurrt. Als wir an einer Orangenplantage vorbeikommen, besorgt uns Adil ganz frische Orangen. Mhhh, lecker.
Nach mehr als 3 Stunden Busfahrt kommen wir endlich in Fès an. Leider liegt unser Hotel etwas außerhalb und man kann nicht einfach mal kurz ins Städtle reinlaufen. Die Zimmer sind quadratisch, praktisch, zweckmäßig und teilweise klein, aber trotzdem für 2 Übernachtungen ausreichend.
Das Abendessen ist wieder in Buffetform und wenig marrokanisch – abr d‘r Honger treibt’s nei. Ein netter Kellner fragt unvorsichtigerweise, ob wir noch einen Wunsch haben und die Antwort lautet einstimmig: ein Bier. Er beginnt zu lachen und erklärt sich bereit einen Freund mit einem Motorroller in dem nächsten Shop zu schicken, der auch Alkohol verkauft. Wir machen es uns draußen schon mal gemütlich und freuen uns schon auf ein kühles Helles, aber schon kommt der Kellner um die Ecke und muss uns beichten, dass der Shop leider schon geschlossen hat. Also verschieben wir das auf morgen. Ein paar Meter weiter ist ein ***** Sterne Hotel mit einer Bar und so wackeln einige doch noch dort hin und welche Überraschung, da sitzen schon einige aus unsere Gruppe. Mir Schwoba wisset ons halt emmer zom Helfa.

Marokkanisches Arabisch (Darija): بالصحة ونعس مزيان
Berberisch: ⵜⴰⵏⵎⵎⵉⵔⵜ ⴰⵙⵏⵓ ⵎⴰⵏ
Französisch: Santé et dors bien
Schwäbisch: Proscht ond schlofet guat